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10 Erfolgsfaktoren und Trends im modernen Fussball

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Das hier sind die 10 wichtigsten Entwicklungstendenzen, die im modernen Fussball zu beobachten sind:

1) Hohe Taktische Variabilität

Bei der WM 2010 in Südafrika agierten auffällig viele Teams noch in einem starren 1-4-2-3-1. Bei der WM in Brasilien konnte man ziemlich alle Formationen beobachten, die es im Fussball gibt. Egal ob 1-4-3-3, 1-3-4-3, 1-5-4-1,1-4-4-2 oder 1-4-3-1-2 etc. - nahezu jede erdenkliche Formation wurde genutzt. Viele Mannschaften waren sogar in der Lage ihre Grundordnungen innerhalb einer Partie zu mehrmals zu ändern, was für eine extrem hohe taktische Variabilität spricht. Auch Weltmeister Deutschland nutze verschiedene Grundordnungen und konnte diese flexibel innerhalb eines Spiels switchen.

Es gab zwar Mannschaften wie Ecuador oder Kroatien, die in der taktischen Ausrichtung relativ statisch agierten, auffällig war jedoch das gerade vermeintlich "kleinere" Mannschaften taktisch enorm aufgeschlossen haben und durch diesen Faktor die individuelle Klasse des Gegners übertrumpfen konnte, wobei als Musterbeispiel sicherlich Costa Rica zu nennen ist. Bei der WM hat sich bestätigt, dass es nicht nur noch eine fixe Ordnung gibt, sondern eine offensive und ein defensive Ordnung - die je nach Gegner und Spielsituation variiert wird. Fussball-Trainer müssen daher taktisch extrem variabel sein. DFB Chef-Ausbilder Frank Wormuth sagt dazu: "Die Trainer sollten künftig alle Systeme aus dem Effeff beherrschen und gegebenenfalls die Grundordnung verändern können ...Bei der Kaderzusammenstellung müssten die Chefcoaches angesichts dieser Anforderungen noch besser aufpassen."

2) Flexible strategische Ausrichtung

Neben einer hohen taktischen Variabilität war zu beobachten, dass die Top-Mannschaften in der Lage waren, auch ihre Strategie zu ändern. So variierte Deutschland ihre Strategie beispielsweise variabel zwischen einem zielgerichteten Ballbesitzspiel und einem kompakten überfallartigen Konterfussball. Die Spitzenteams nutzen auch alle verschiedene strategische Ausrichtungen, was das Pressing anbelangt und waren ebenfalls in der Lage ihre Pressingstrategien innerhalb eines Spiel zu verändern. Auch sogenannte "Wenn-Dann-Strategien" wurden vielfach gekonnt eingesetzt. Beispielsweise bei einem Rückstand oder einem Platzverweis. Musterbeispiel, war Deutschland im WM-Finale die zunächst Sami Khedira kurzfristig ersetzen mussten und dann auch noch Christoph Kramer, der für Khedira problemlos kurzfristig einsprang und nach 30 Minuten wieder verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste, woraufhin Deutschland die Formation wechselte.

Louis van Gaal sorgte im Viertelfinale gegen Costa Rica mit dem Wechsel des Elfmeterexperten Kruls gegen seinen Stamm-Torspieler Cillessen kurz vor Ende der Verlängerung für einen strategischen Geniestreich. Krul hielt den entscheidenden Elfmeter und van Gaal zum Held.

3) Das Comeback der 3er-Kette und die 5er-Kette als Defensivsystem der Zukunft

Das Comeback der 3er Kette hat sich im Vereinsfussball schon lange abgezeichnet und wird gerade bei der Offensivformierung von vielen Mannschaften genutzt. Ein durchschlagender und in der Praxis bewährter Trend der WM war eine extrem kompakte 5er-Kette im Defensivverhalten. Es ist kein Zufall, dass immer mehr Mannschaften gegen immer schwerer auszurechnende Offensiven der gegnerischen Mannschaft mit einer 5er-Kette im Defensivverhalten reagieren. Auffällig ist dabei, dass sowohl die Niederlande und Costa Rica, die beide überwiegend mit einer 5er-Kette agierten, verloren kein einziges Spiel in der regulären Spielzeit. Die zwei grossen Vorteile der 5er Kette:

  • Keine Lücken, da die 5er-Kette auch dann mit 4 Spielern besetzt ist, wenn ein Spieler die Kette verlässt
  • Die Nahtstellenspieler des Gegners können in allen Zonen variabel angelaufen werden, wodurch der Raum wischen 5er-Kette und Mittelfeld besser kontrolliert werden kann

Die 5er-Kette wurde von Costa Rica perfekt umgesetzt. Bei Costa Rica verschoben die fünf Spieler gemeinsam ballorientiert in einer Reihe. Wenn der Aussenverteidiger nach vorne presste, dann schoben die restlichen Spieler der 5er-Kette nach und besetzen die Räume mit gleichbleibenden Abständen, was einen Durchbruch für den Gegner nahezu unmöglich machte.

4) "Must Have": Schnelles Umschalten und Standardsituationen

Das schnelle Umschalten innerhalb der 4. Phasen eines Spieles war der Erfolgsgarant schlechthin bei der WM. Zudem wurden 30 Prozent aller Treffer bei der WM nach Standards erzielt. Gerade bei Standardsituationen ist noch enormes Potential vorhanden, denn welcher Trainer investiert 30 Prozent der Zeit in Elfmeter, Freistösse, Eckbälle oder Einwürfe?! Das beste Mittel gegen Standards ist Standards überhaupt nicht zuzulassen. Joachim Löw achtete bei der Auswahl seiner Spieler sehr darauf, dass diese in der Lage sind ohne Foulspiel auszukommen und keine sogenannten "unforced errors" um den Strafraum herum zu begehen. Sollte es trotzdem zu Standardsituationen kommen, dann werden gerade bei Eckstössen und Standards aus dem Halbraum hervorragende Kopfballspieler wie ein Mats Hummels, Jerome Boateng oder Per Mertesacker benötigt. Bei direkten und indirekten Freistössen in Strafraumnähe bedarf es eines überragenden Torspielers wie Manuel Neuer. Gerade in der Kategorie Standards zählte die DFB-Elf sowohl bei den Defensiv-Standards wie auch bei den Offensiv-Standards zur Elite.

5) Verstärkte Mannorientierungen im Defensivverhalten

Viele Teams wie die Niederlande setzten trotz vorherrschender Raumdeckung eine gezielte Mannorientierung ein. Chile und Algerien agierten beispielsweise bei ihrem aggressiven Pressing phasenweise fast komplett mannorientiert. Diese Mannorientierungen wird genutzt, um 1 vs.1-Situatione zu fokussieren, was ein Beleg für eine immer weitere steigende individuelle Klasse ist, mit dem Versuch diese durch klare Zuordnung zu unterbinden.

6) Die flexible Interpretation der Rolle des Aussenverteidiger

Die Interpretation der Rolle des Aussenverteidigers variierte stark bei dieser WM. Während sich bei der letzten Weltmeisterschaft die Aussenverteidiger nahezu auf das reine Flügelspiel konzentrierten, war die taktische Interpretation bei dieser WM wesentlich grösser. Der Brasilianer Marcelo beispielsweise, der als linker Aussenverteidiger bei Brasilien eingesetzt wurde agierte phasenweise im Offensivverhalten als Spielgestalter.

Der Niederländern Kuyt spielte auf dieser Position unheimlich variabel und teilweise sogar je nach Gegner im Halbraum. Deutschland agierte zeitweise mit 2 gelernten Innenverteidigern als Aussenverteidiger, wodurch die Position des Aussenverteidigers natürlich eher defensiv interpretiert wurde. Ausserdem muss natürlich ein Ausnahmespieler wie Phillip Lahm erwähnt werden, der neben seiner Stamm-Position als Aussenverteidiger, wie auch auf der 6er-Positionen, zur absoluten Weltklasse zählt.

7) Das enorme Anforderungsprofil des modernen Torspielers

Der Torhüter hat die Entwicklung zum Torspieler endgültig vollzogen. Die Position des Torspielers, war die am stärksten besetzte Position bei dieser WM. Egal ob Manuel Neuer, Keylor Navas, Claudio Bravo, Tim Howard, Hugo Lloris, Jasper Cillessen oder Sergio Romero alle Mannschaften verfügten über eine enorme individuelle Klasse auf der Position des Torspielers. Paradebeispiel war der Auftritt von Manuel Neuer im WM-Achtelfinale gegen Algerien.

8) Die Rückkehr des Stossstürmer und die Bedeutung der falschen 9

Gegen immer besser organisierte Defensivblöcke, wird der Stossstürmer wieder mehr an Bedeutung gewinnen, was auch bei der WM zu beobachten war. Im deutschen Team spielte beispielsweise WM-Rekordtorjäger Miroslav Klose eine sehr wichtige Rolle in dieser Funktion. Wichtig ist jedoch die nötige Flexibilität im Offensivspiel, zu der die sogenannten variable 9 enorm beitragen kann. So wurde Mario Götze als falsche 9 für Stossstürmer Miroslav Klose eingewechselt und erzielte so das entscheidende Tor im Endspiel für die DFB-Elf.

9) Team-Spirit und Jokertore: Die WM der Einwechselspieler

Das Fussball ein Mannschaftssport ist, ist jedem klar. Jedoch wurde der Team-Spirit noch nie so ausdrücklich gelebt wie bei der WM 2014. Gerade die Spieler der Teams aus Südamerika wie Chile, Kolumbien oder Costa Rica "zerrissen" sich förmlich für ihre Mitspieler.

Auch die DFB-Elf überzeugte mit einem tollen Team-Spirit. Ausserdem wurden so viele Jokertore wie noch nie bei einer WM erzielt. 31 von insgesamt 171 Treffern wurden von Einwechselspielern erzielt und sprechen für sich.

10) Exkurs - Der geplante Fehlpass als taktisches Mittel

Das eine sehr hohe Prozentzahl an Toren nach einem unmittelbaren Ballverlust erzielt werden ist bekannt, auch dieser Punkt war bei der WM in Brasilien deutlich zu beobachten. Im Vereinsfussball setzte vor allem Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp in diesem Bereich mit einem perfekten Gegenpressing neue Massstäbe. Deshalb ist es nicht mehr verwunderlich, dass darüber diskutiert wird, einen geplanten Fehlpass als taktisches Mittel einzusetzen. Denn ein attraktiver, schneller Offensivfussball wird durch immer kompakter stehende und taktisch perfekt eingestellte Defensivblöcke immer weiter erschwert. Daher ist es mehr als eine Überlegung wert, in bestimmten Situationen der gegnerischen Mannschaft den Ball gezielt zu überlassen, um dann durch ein bereits vorbereitendes Gegenpressing den Ball zu erobern und die fehlende Defensivstruktur des Gegners auszunutzen. Gerade bei Einwürfen ist diese Überlegung sehr interessant, da die Spielfortsetzungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt sind und die Räume leicht zugestellt werden. Die Statistiken belegen dies: Den Ball bei eigenen Einwurf in das Seitenaus zu werfen, um dann selbst zu zustellen, ist oftmals erfolgsversprechender, als selbst einzuwerfen.