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Pressing - Defensivstrategien mit System

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"Jede Kette ist nur so gut wie ihr schwächstes Glied und das Ganze ist immer grösser als die Summe seiner Teile!" (Viktor Maslov, der als der Erfinder des Pressings im Fussball gilt)

Was bedeutet Pressing im Fussball?

Wie aus dem Modell des Zonenfussball ersichtlich ist, spielen Defensivstrategien im Fussball eine wichtige Rolle. Grundlage ist das sogenannte Pressing, was ein wichtiger Bestandteil in jedem Matchplan sein sollte. Als Erfinder des Pressings im Fussball gilt der Russe Victor Maslov, der vor allem in den 1960er-Jahren mit dieser Erneuerung zahlreiche Erfolge feierte. Durch Trainergrössen wie Rinus Michels, Valerij Lobanowskiy, Arrigo Sacchi oder Pep Guardiola wurden verschiedene Pressingstrategien immer weiterentwickelt und verfeinert.

Pressing ist der geplante Versuch das gegnerische Team frühzeitig zu stören, Überzahlsituationen zu schaffen, Fehler zu erzwingen, ein mögliches Abspiel auf einen in Ballnähe befindlichen Mitspieler durch Zustellen der Räume und eine enge Deckung zu verhindern oder zumindest einen Pass in die Breite zu erzwingen. Das Ziel des Pressings beim Fussball ist es also, durch ein geplantes taktisches Verhalten die gegnerische Mannschaft so zu lenken, dass der Ball erobert werden kann.

Entscheidend für das Gelingen einer Pressingaktion ist eine hohe Kompaktheit der einzelnen Mannschaftsteile. Pressing spielen bedeutet, den Ball im Kollektiv zu erobern, es muss sich also die gesamte Mannschaft daran beteiligen. Dadurch wird die gegenseitige Absicherung und die Schaffung von Überzahlsituationen in Ballnähe erreicht.

Wichtige Grundsätze des Pressings

  • Defensivaufgaben werden auch von Offensivspielern verlangt.
  • Eigene und gegnerische Ordnung muss berücksichtigt werden.
  • In welcher Höhe wird verteidigt?
  • Wie will ich Bälle erobern?
  • Wie ist der Spielaufbau vom Gegner?

Allen Beteiligten muss zudem klar sein, was der Auslöser des Pressings ist.

Auslöser des Pressings

Folgende Auslöser einer Pressingsituation sind beispielsweise denkbar:

  • "Pressingopfer"
  • Pass in eine bestimmte Zone
  • technische Fehler
  • Gegner ist nicht offen in Spielrichtung
  • Rückstand
  • Situativ, wie beispielsweise bei einem Einwurf

Wichtig ist auch, dass jeder Spieler weiss, wo und wie gepresst werden soll. Es werden vier Arten von Pressing unterschieden:

Abwehrpressing, Mittelfeldpressing, Angriffspressing und Gegenpressing.

Abwehrpressing

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Bild: Abwehrpressing

Das Abwehrpressing ist die defensivste und zugleich passivste der Pressingvarianten. Ziel ist es hier, kompakt und geschlossen hinter dem Ball zu stehen und auf den Gegner zu warten. Bewusst zu agieren und den Gegner zu steuern, ist hier kaum möglich, weshalb ein Abwehrpressing nur situativ genutzt werden sollte. Die Viererkette verteidigt hierbei dicht vor dem eigenen 16m-Raum und wartet bis der Ball in die eigene Hälfte gelangt.

Oftmals wird ein Abwehrpressing von einem dominanten Gegner aufgezwungen oder man nutzt das Abwehrpressing, um eine knappe Führung über die Zeit zu bringen. Vorteil des Abwehrpressings ist es, dass man einen sehr kompakten Mannschaftsverbund hat, der sehr unanfällig für Bälle in den Rücken der Abwehr ist. Ausserdem ergeben sich bei einem Ballgewinn grosse Räume im Spiel nach vorne.

Nachteilig ist, dass man bei einem Abwehrpressing nur reagiert, statt zu agieren, da die Torsicherung im Vordergrund steht. Ausserdem ergeben sich sehr grosse Wege in der Grundordnung bei einem Ballverlust. Die Stürmer haben zudem sehr weite Wege zum gegnerischen Tor und der Gegner kann Bälle in den torgefährlichen Raum spielen. Des Weiteren wird es schwierig werden, dem Dauerdruck des Gegners standzuhalten, der durch hohe Bälle ins Abwehrzentrum permanent Druck erzeugen kann.

Mittelfeldpressing

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Bild: Mittelfeldpressing

Das Mittelfeldpressing ist die am häufigsten genutzte Form des Pressings und findet ca. 15-20m in der eigenen und 15-20m in der gegnerischen Hälfte statt.

Dem Gegner wird zunächst erlaubt, das Spiel einzuleiten. Gleichzeitig wird jedoch versucht, den Ball auf bestimmte Gegenspieler in bestimmte Räume zu lenken. Diese werden dann gezielt attackiert und die umliegenden Anspielstationen werden zugestellt. Die Spitzen erwarten den Gegner in etwa 15-20 m vor der Mittellinie. Die Abwehrreihe befindet sich ungefähr 30m vor dem eigenen Tor.

Sobald das gegnerische Team in die Mittelfeldpressingzone spielt, wird versucht, in Ballnähe eine Überzahlsituation zu schaffen. Manche Trainer sprechen gar von einer "Kampfzone", in der man eng am Gegner stehen soll und aggressiv verteidigt. Wichtig sind wie bei allen Pressingstrategien enge Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen.

Das Mittelfeldpressing bietet vorallem drei grosse Vorteile:

  • Die Abwehrreihe kann immer noch absichern, falls der Gegner es schafft, sich aus dem Pressing zu befreien.
  • Nicht zu weit vom eigenen Tor entfernt, dadurch ist ein gutes Zusammenspiel mit dem eigenen Torwart bei langen Bällen möglich.
  • Kurzer Weg zum gegnerischen Tor, was die ideale Voraussetzung für eine schnelle Konteraktion ist.

Angriffspressing

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Bild: Angriffspressing

Das Angriffspressing ist die offensivste Form der hier vorgestellten Defensivstrategien. Die Zone in der Angriffspressing gespielt wird, reicht von der Mittellinie bis zur gegnerischen Grundlinie.

Alle Spieler rücken soweit auf, dass der Gegner in seiner Hälfte komplett zugestellt wird. Aufgrund der hohen Intensität kann das Angriffspressing immer nur phasenweise gespielt werden, zum Beispiel zu Beginn des Spiels, um den Gegner zu überraschen, nach der Halbzeitpause oder bei einem Rückstand kurz vor Spielende. Aber auch situativ bei einem Abstoss oder einem Einwurf wird diese Art des Pressings gerne eingesetzt. Der Unterschied zum Mittelfeldpressing ist oftmals nahezu fliessend, da das Angriffspressing sehr oft aus einem Mittelfeldpressing entsteht. Die Ausgangsposition der Spieler ist identisch mit der des Mittelfeldpressing.

Wichtig: Wenn zu schnell vorne draufgegangen wird, ist die Gefahr gross, dass der Gegner sofort einen langen Ball spielt, deshalb sollte man dem Gegner zunächst ein Angebot eröffnen und darauf aufbauend durch eingeübte Muster den Gegner in entsprechend günstige Situationen zu lenken.

Ausnahme ist ein situatives Angriffspressing, wobei beispielsweise bewusst der Abstoss zugestellt wird, um einen gewollten langen Ball zu provozieren, was oftmals gegen spielstarke Teams eingesetzt wird. In der Endposition beim Angriffspressing haben sich dann alle Spieler bis in die gegnerische Hälfte vorgeschoben. Das gegnerische Team wird durch ein aggressives Forechecking in seiner eigenen Hälfte gebunden. Man versucht, aktiv nach vorne zu verteidigen, um dem Gegner die Zeit und den Raum zu nehmen, ein sicheres Aufbauspiel zu betreiben. Der Druck auf den Gegner muss so stark sein, dass Fehler provoziert werden.

Problem ist, dass die eigene Mannschaft ebenfalls unter Druck ist und sich nicht erholen kann. Das extreme Verschieben sorgt dafür, dass bei einem Ballgewinn kaum ein Spieler auf seiner Position ist. Unkonzentriertheiten werden oftmals mit langen Bällen hinter die Viererkette bestraft, wo sich grosse Räume auftun und zu unmittelbarer Torgefahr führen. Speziell wichtig ist hier das Mitspielen des Torspielers.

Gegenpressing

Das Thema Gegenpressing haben wir aufgrund seiner zunehmenden Beudetung in einem eigenen Blogbeitrag bearbeitet. Hier geht's zum Beitrag "Gegenpressing".

Pressing des Gegners aushebeln

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Bild: Antipressingball

Ein erfolgreiches Gegenmittel, um dem Angriffspressing zu entgehen, sind lange diagonale Bälle in den Rücken der gegnerischen Kette, schnelle Spielverlagerungen sowie das Überspielen von Linien. Ein weiteres Gegenmittel, das in letzter Zeit immer häufiger bei Spitzenteams beobachtet werden kann, ist der sogenannte Antipressingball.

Dabei wird das Angriffspressing des Gegners rechtzeitig antizipiert. Nachdem der Innenverteidiger den Aussenverteidiger angespielt hat, stellt der gegnerische Angreifer die Rückpassmöglichkeit auf den Innenverteidiger zu. Der Aussenverteidiger überspielt nun den zugestellten Innenverteidiger mit einem weiträumigen Anspiel auf den ballfernen Innenverteidiger gegen die Verschiebebewegung des Gegners, welcher das Spiel dann vorteilhaft auf den Aussenverteidiger oder den äusseren Mittelfeldspieler fortsetzen kann.