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Die Coerver-Methode, Teil 2 - Die Coerver-Pyramide

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Die Coerver-Methode hat die Hauptaspekte des Fussballspiels hierarchisch in eine Pyramide mit sechs Stufen unterteilt, welche 1997 erstmals grafisch dargestellt wurde (siehe Abbildung).

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Wichtig zu wissen ist, dass die einzelnen Inhalte nicht, wie oftmals behauptet wird, völlig isoliert voneinander trainiert werden, vielmehr gibt es interessante, aufeinander aufbauende Abläufe. In den einzelnen Stufen der Pyramide werden zunächst immer die Grundlagen erlernt, woraufhin dann die Komplexität weiter gesteigert wird. Viele Übungen und Trainingskonzepte werden dabei in Zusammenarbeit mit u.a. folgenden europäischen Topklubs entwickelt:

  • Bayern München
  • Manchester United
  • PSV Eindhoven
  • Newcastle United
  • Arsenal London
  • FC Nürnberg

Stufe 1: Ballbeherrschung

Auf der ersten Ebene dreht sich alles um das Thema der Ballbeherrschung mit beiden Füssen, da dies nach Coerver die Grundlage für alle weiteren Ebenen bildet. Der Spieler soll den Ball kennen lernen und ihn zu seinem besten Freund machen, wofür spezielle Bewegungsmuster entwickelt wurden. Aber auch das Jonglieren und die Ballkontrolle spielen eine wichtige Rolle, um Ball- und Distanzgefühl zu schulen. In den nächsten Stufen, werden diese Bewegungsmuster vor allem im Warm-Up genutzt.

Stufe 2: Passen & Ballannahme

Auf der zweiten Stufe geht es um das Thema Passspiel und um Ballan- und Ballmitnahmetechniken, sowie bereits um erste gruppentaktische Elemente. Kein anderes technisches Element wird so häufig verwendet im Fussball wie das Passspiel. Wichtige Punkte auf dieser Stufe:

  • Welche Stossarten werden beim Passspiel eingesetzt?
  • Wo und wie treffe ich den Ball?
  • Wann spiele ich welchen Pass?
  • Wann nehme ich den Ball wie am besten an?
  • Und das alles immer unter Berücksichtigung einer beidfüssigen Schulung.

Stufe 3: 1vs1 / Angriff & Verteidigung

Auf der dritten Stufe der Coerver-Pyramide dreht sich dann alles um das Thema 1vs1.

  • Finten und Tricks der Weltstars (welche ständig aktualisiert und angepasst werden)
  • Defensiv-Techniken
  • offensive Duelle
  • defensive Duelle
  • Mut
  • Selbstvertrauen

Diese Stufe ist sicher die Ebene, die die meisten Personen mit der Coerver-Methode verbinden. Auch bei der Schulung der Trainer wird hier ein grosser Schwerpunkt gesetzt und jeder Coerver-Trainer wird genau instruiert, wie die Finten anzuwenden sind und auf welche Details er dabei zu achten hat. Die Coerver-Trainer müssen die Bewegungen auch selbst demonstrieren können, nach dem Motto: "1 x sehen ist besser als 1.000 x hören."

Zunächst werden auch auf dieser Stufe die Grundlagen in Trockenübungen gelegt und werden dann mit einem perfekt aufeinander abgestimmten Aufbau nach und nach erschwert bis hin zum spielnahen 1:1 unter 100 % Raum- und Zeitdruck. Das die Coerver-Methode viel mehr - wie oftmals falsch behauptet - als eine reine Ballschule ist, zeigt sich an der Tatsache, dass in alten Büchern über die Coerver-Methode, die noch von Wiel Coerver selbst verfasst wurden, eine Vielzahl an Übungen und Informationen über "Defensiv-Techniken" wie den verschiedenen Tackling-Arten zu finden ist, was in der Fussball-Literatur ansonsten nahezu komplett vernachlässigt wird. Sprüche wie "Wer grätsch hat verloren", entsprechen leider nicht der Realität. Schaut man sich Profispiele an, sieht man weltklasse Fussballer wie den wohl momentan weltbesten Tackling-Spieler Sergio Ramos mehrmals pro Spiel im Tackling.

Sicherlich ist es besser, wenn ein Spieler den anderen "ablaufen" kann, doch wenn Cristiano Ronaldo oder Gareth Bale mit dem Ball am Fuss angerauscht kommen, ist ein Tackling sicherlich besser, als ein Gegentor…

Stufe 4: Schnelligkeit

Beim Thema Schnelligkeit geht es bei der Coerver-Methode nicht nur um die reine Sprintschnelligkeit, sondern vielmehr darum, den Faktor Schnelligkeit spielnah in seiner Komplexität zu erfassen. Das Schnelligkeitstraining findet hierbei meistens spielnah in Duellform statt und setzt einen grossen Schwerpunkt in der Handlungsschnelligkeit und einer schnellen Auffassungsgabe. Zudem hat Coerve bereits in den 80er-Jahren Sprungformen zur Verbesserung der Schnellkraft vorgeschlagen, die noch heute top aktuell sind.

Stufe 5: Abschluss

Auf der fünften Ebene geht es um Tore, Tore, Tore. Hierfür werden zunächst Grundlagen verschiedener Abschlusstechniken, wie beispielsweise ein sauberer Spannstoss, ein Hüftdrehstoss, den Kopfstoss oder auch ein Fallrückzieher, erlernt. Im Anschluss werden dann wieder Elemente aus den vorangegangenen Stufen genutzt und mit dem Torabschluss kombiniert. Dies passiert sowohl in Trockenübungen als auch in teilaktiven und 100 % Duellen.

Stufe 6: Gruppenspiel

Auf der höchsten Ebene der Coerver-Pyramide lernen die Spieler gruppentaktische Spielformen kennen, in denen die zuvor gelernten Inhalte nun in der Gruppe umgesetzt werden. Die Klasse einer Mannschaft ist nach Coerver die Summe der individuellen Klasse. Gerade die Ergebnisse auf allerhöchstem Niveau im Weltfussball bestätigen die Gültigkeit dieses Ansatzes, wo Unterschiedspieler wie Lionel Messi, Manuel Neuer oder Cristiano Ronaldo Spiele entscheiden. Die Gruppentaktik bildet die höchste Ebene, da nach den Ideen von Wiel Coerver ein Fussballspiel eine Aneinanderreihung individual- und gruppentaktischer Elemente ist, an der sich immer nur Gruppen von Spieler beteiligen, bevor der Ball dann den Ort zu einer anderen Gruppenkonstellation wechselt. Bei den einzelnen Stufen der Coerver-Pyramide werden viele Elemente zunächst mit dem expliziten Lernansatz geübt, wo den Spielern Bewegungen genau erklärt werden und die Spieler diese Bewegungen dann imitieren.

Oftmals wird genau dieser Punkt kritisiert, doch auch beim Nutzen des impliziten Lernansatzes muss die Technik ganz am Anfang zunächst explizit geübt werden, alles andere ist im Fussball Wunschdenken. Im Anschluss wird dann auch bei der Coerver-Methode der implizite Lernansatz genutzt, weshalb diese Kritik völlig zu Unrecht geäussert wird. Ein toller Ansatz der Coerver-Methode ist das bereits erwähnte Positive Pushing, wonach die Spieler neben rein konstruktiver Kritik viel gelobt werden, wodurch das Selbstvertrauen der Spieler steigt. Nach der Aussage des von Wiel Coerver selbst ausgebildeten Trainers Ricardo Moniz, der als einer der besten Techniktrainer der Welt gilt, war für Wiel Coerver die oberste Prioriät die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler, wobei eben dieses Positive Pushing eine wichtige Rolle spielt.