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Differenzielles Lernen

Bild: Differenzielles Techniklernen.jpg

Techniken einschleifen? Nein! -

Die Ausführung variieren? Ja!

Was ist die differenzielle Lernmethode?

Die Technik spielt im Nachwuchsbereich eine wesentliche, leistungsbestimmende Rolle. Das betrifft in erster Linie die Qualität der Technik am Ball wie Dribbling, Fintieren,  Ballan- und -mitnahme, Passen, Schießen und Köpfen. Aber auch  die koordinativen Fähigkeiten, wie Laufbewegungen ohne Ball in Form von Vorwärts-, Rückwärts-, Seitwärtsläufen sowie Stopps, Sprüngen, Dreh- und Ausweichbewegungen, dürfen nicht außer Acht gelassen werden.

Dies zeigt eine enge Verknüpfung der technisch-koordinativen Anforderungen (Motorik) im Fußball. Die motorischen Fertigkeiten bzw. ihre Ausführung müssen darüber hinaus auch stets unter der Prämisse der taktischen Lösung der jeweiligen Spielsituation gesehen werden, also hinsichtlich ihrer Effektivität bzw. ihrer Ziel- und Erfolgsorientierung. Je besser also die technisch-koordinativen Fertigkeiten des Fußballers sind, desto größer wird der Erfolg im Hinblick auf die Umsetzung von Entscheidungen und letztlich der Taktik sein.

Zur Verbesserung der Technik existieren zwei vorherrschende Lehrmethoden, welche unterschiedliche Ansätzen folgen. Zum einen gibt es die traditionelle Methode des motorischen Wiederholens; das sogenannte Einschleifen. Demgegenüber steht das Variieren von Bewegungen - der differenzielle Lernansatz. Nach der traditionellen Methode sollen fußballtypische Bewegungsmuster wie der Vollspannstoß oder der Innenseitstoß auf der Basis einer Zielbewegung bzw. eines Idealmodells mittels vieler Wiederholungen eingeschliffen werden.

Die differenzielle Lehrmethode aber kennt keine Idealtechnik, sondern versucht, technische Fertigkeiten durch Variationen in der motorischen Ausführung zu verbessern. Diese Abweichungen (Differenzen) in der Bewegungsausführung werden demnach nicht als Fehler gesehen, sondern -  im Gegenteil -  als hinreichende Notwendigkeit, beim Spieler einen selbstorganisierenden Lernprozess auszulösen und seine Fähigkeit zu schulen, auf neue Situationen im Bereich des Handlungsspielraums schneller und passender zu reagieren.

Der differenzielle Lernansatz folgt dabei zwei Grundideen: Bewegungen unterliegen aufgrund sich ständig ändernder Spielsituationen permanenten Schwankungen und können nicht exakt wiederholt werden. Bei der qualitativen Bewertung von Techniken geht es daher nicht um Ästhetik (Idealbild einer Technik), sondern ob die Ausführung in der entsprechenden Situation erfolgreich ist (situationsgemäße Technik). Außerdem sind Bewegungen individuell bzw. personenspezifisch, was bedeutet, dass sich niemand auf die gleiche Weise bewegt wie ein anderer Mensch. Vergleicht man beispielweise die technischen Ausführungen der Topspieler im Weltfußball, so fällt auf, dass alle völlig unterschiedliche Bewegungsabläufe haben, also nicht alle dem Idealbild entsprechen. Dennoch würde niemand behaupten einer von Ihnen hätte eine schlechte Technik. 

Warum Differenzen dem Idealbild vorziehen?

Eingangs wurde ja bereits ausgiebig beschrieben, um was es sich bei der differenziellen Lernmethode handelt. Nun stellt sich aber die Frage warum es sinnvoll ist Differenzen in die Bewegungen mit einfließen zu lassen und dem Einschleifen von Techniken mit dem Ziel eines Idealbildes den Rücken zu kehren.

Wir alle kennen den Ablauf eines Techniktrainings durch Einschleifen nur zu gut. Passspiel oder Torabschlüsse werden ohne jeglichen Spielbezug und Komplexität mit hoher Wiederholungszahl mittels der Zergliederungsmethode eingeübt. Dabei müssen seitens des Spielers auch keine Entscheidungen getroffen werden, da die Übungen komplett isoliert ablaufen. Da der Spieler schon weis was passiert kommt schnell langeweile auf. Der Trainer greift auch direkt in den Lernprozess ein, indem er Fehler im Sinne der Idealtechnik mittels Instruktionen explizit korrigiert.

Jedoch haben wir schon erfahren, dass die Qualität einer technischen Ausführung nicht das Idealbild ist sondern die situationsgemäße Ausführung.

Die differenzielle Lernmethode sieht die Bewegungen nicht nur als biomechanische Abläufe, sondern ebenso als neurophysiologische und emotionale Prozesse. Damit ist eine spielnahe Vermittlung schon einmal gewährleistet. Der Trainer greift auch nicht korrigierend in das Bewegungslernen ein, sondern steuert es, indem er mittels Strukturmodifikationen zielgerichtet Schwankungen erzeugt. Dadurch erfolgt das Erlernen der technisch-koordinativen Fertigkeiten implizit und selbstorganisiert. Solche Schwankungen können zum Beispiel in speziellen Situationen wie dem Torschuss oder auch in freien Spielformen provoziert werden. Neben den Schwankungen am Beispiel des Torschusses (siehe Mind Map) können auch die Qualität des Spielfeldes (Halle, Naturrasen, Kunstrasen, Ascheplatz usw.) und die Qualität sowie die Größe des Balles verändert werden, um bei den Spielern den gewünschten Anpassungseffekt zu erzielen.

Für die differenzielle Lernmethode spricht außerdem die Lernrate (Lernfortschritt pro Zeit) sowie die Dauer, über die das Gelernte behalten wird. Das Einschleifen dagegen weist eine niedrige Lernrate auf und über einen stark eingeschränkten Zeitraum, in dem das Gelernte behalten wird. Außerdem können differenziell geschulte Spieler ihre Technik besser situationsgemäß einsetzen. 

Im Gegensatz zum Einschleifen entstehen beim differenziellen Lernen des weiteren immer wieder erfolgsunsichere Situationen, welche einen unerwarteten Bewegungserfolg ermöglichen. Erlernt das Gehirn unerwartet neue Fähig- und Fertigkeiten, werden Glückshormone ausgeschüttet und weitere Lernprozesse positiv beeinflusst.


Bild: Mind Map Torschuss.jpgDiese sogenannte Mind Map gibt einen Überblick über mögliche Schwankungen innerhalb der Bewegungsausführung, welche der Trainer in die Torschussübung einfließen lassen kann.

Wie wende ich die differenzielle Lernmethode in der Praxis an?

Mit der U12 des SSV Jahn Regensburg haben wir eine Torschussübung sowie eine Spielform mittels der differenziellen Lernmethode durchgeführt, um einen kleinen Einblick in die Praxis zu geben.

Dabei ist zu beachten, dass beim differenziellen Lernansatz in Sachen Verbesserungen keine Grenzen gesetzt sind, solange auch immer wieder neue Schwankungen provoziert werden. Daher muss der Trainer die Übungen oder Spielformen stetig komplexer gestalten.

Bild: U12 Torabschluss differenziell.jpg

Torabschluss-Training differenziell:

  • Der Spieler bekommt ein Zuspiel, welches er annimmt, eine Finte gegen einen teilaktiven Verteidiger ausübt und dann abschließt
  • Schwankungen (auch Kombinationen möglich):
  • Kein Anspiel, sondern der Spieler dribbelt an bzw. bekommt den Ball zugespielt
  • Unterschiedliches Ballmaterial (Größe, Form, Beschaffenheit)
  • Die Spieler verdecken während der Aktion ihr dominantes Auge mit einer Augenklappen
  • Unterschiedliche Körperhaltung (Arme nach oben gestreckt, Arme kreiseln, Arme nach hinten gestreckt, Arme am Körper angelegt)
  • Unterschiedliche Anlaufarten (einbeinig-hüpfend, Hopserlauf)
  • Zusätzlich einen Tennisball während der Aktion in der Hand hochwerfen und wieder fangen
  • Einen zweiten Ball (z.B. Miniball) während der Aktion in einer Hand halten

Bild: U12 Spielform differenziell.jpg

3-Farben-Spielform differenziell:

  • 4+4 gegen 4 auf Ballhalten
  • Schwankungen (auch Kombinationen möglich):
  • Raumgröße variieren
  • Unterschiedliches Ballmaterial (Größe, Form, Beschaffenheit)
  • Die Spieler verdecken während des Spiels ihr dominantes Auge mit einer Augenklappe
  • Die Spieler halten während des Spiels beispielsweise in einer Hand ein großes Hütchen 


Fazit

Jede Spielsituation muss ganzheitlich betrachtet werden. Ausgehend von einem Problem taktischer Natur muss der Spieler dieses Problem wahrnehmen, analysieren, entscheiden und eine Spielhandlung als motorische Lösung parat haben. Diese ganzheitlichen Anforderungen im Fußball müssen auch im Trainingsbetrieb berücksichtigt werden, um einen angemessenen Verbesserungseffekt erzielen zu können. Da die motorische Lösung immer eine technisch-koordinative Aktion am Ball ist, gilt dies insbesondere für die Ballaktionen. Der Spieler muss auch beim Technik-Training Entscheidungen treffen können und zahlreicher Situationen mit stetig wechselnden Umständen ausgesetzt werden, um sich selbstständig an die neue Situation technisch-taktisch anzupassen. Das bloße Einschleifen von Techniken ohne Schwankungen mit dem Ziel eines Idealbildes hingegen besitzt keinen spielnahen Bezug und kann den Spieler nicht ganzheitlich schulen.

Daher ist es erforderlich, immer wieder neue Differenzen ins Techniktraining einzubauen, um durch die provozierten Schwankungen eine moderne ganzheitliche Technik-Vermittlung gewährleisten zu können.

Autor des Beitrags

Patrick Niebler
Name:Patrick Niebler
Geburtsdatum:19.06.1989
Lizenz:Elite-Jugend-Lizenz
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Patrick ist seit 2011 Jugendtrainer SSV Jahn Regensburg (seit November 2015 hauptamtlich). Er ist Experte für das Training in den Bereichen U9 bis U13. Seinen Fokus legt er auch zukünftig auf die Ausbildung und Förderung junger Talente. Sein Ziel ist es, sich in den kommen Jahren noch mehr im unteren Aufbaubereich, vor allem U12/U13, zu spezialisieren. Parallel zu seiner Trainertätigkeit absolviert er aktuell ein Fernstudium im Bereich Sportmanagement.

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