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Multisport Training

Bild: Multisport.jpg
"Ich habe einfach gespielt, wie ich Spaß hatte: mal Tischtennis, dann Basketball oder Handball - also alles, was mit Bällen zu tun hatte" (Zitat des früheren Bayern-Profis und Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl)

Was man unter Multisport Training versteht

Um zu verstehen, um was es sich bei diesem Begriff handelt, ist ein kleiner Exkurs zu den sogenannten Sportspielen vonnöten. Dabei sprechen wir von Rückschlagspielen wie Volleyball oder Badminton sowie von Zielschussspielen wie Basketball, Handball, Hockey oder auch Fußball. Sie alle sind Mitglieder der Familie der Sportspiele und ähneln sich einander. Somit haben all diese Sportspiele taktische (z.B. Anbieten & Orientieren, Lücken erkennen), koordinative (z.B. mit Zeit-/ Präzisionsdruck umgehen und dabei verschiedenartige Bälle prellen, Werfen, Fangen, Dribbeln, etc. ) und technische (z.B. Spielpunkt des Balles bestimmen; Ballbesitz kontrollieren) Verwandtschaftsmerkmale, die vielseitig geschult werden können. Unter Multisport Training wird demnach ein übergreifender, speziell ein sportspielartübergreifender, Ansatz in der Ausbildung der Nachwuchskicker verstanden.

Warum ein übergreifender Ansatz sinnvoll ist

Nun stellt sich natürlich die Frage warum es sich lohnt über den berühmten Tellerrand hinaus zu blicken und einen sportspielartübergreifenden Ansatz im Training zu wählen. Viele haben folgendes Trainingsszenario schon selber gesehen oder gar selbst miterlebt. In der F-, E- oder D- Jugend wird sich zum Warm-Up erst einmal eingelaufen bzw. ein klassisches Lauf ABC absolviert. Danach werden irgendwelche Passfolgen isoliert und ohne Spielbezug eingeschliffen und/oder Koordination in der Leiter absolviert. Wenn man Glück hat wird am Ende noch ein Belohnungsspiel absolviert. Und das in fast jedem Training.


Dieses rein sportspielspezifische sowie isolierte Training ist nicht nur demotivierend für die Kinder, sondern auch nicht mehr zeitgemäß. Für die sportliche Entwicklung ist ein sportspielartübergreifendes Training modern und sinnvoll.


Viele heutige oder frühere Ballkünstler verschiedenster Sportarten wie Mehmet Scholl oder Dirk Nowitzki haben sich erst mit späterem Alter auf ihre Sportart spezialisiert. Sie waren zu Beginn ihrer Karriere quasi ballverrückte Alleskönner und haben in ihrer Kindheit mehr gespielt als geübt. Ein Vergleich mit unserem Bildungssystem verdeutlicht die These vom Alleskönner zum Spezialisten. Die Heranwachsenden durchlaufen zuerst eine allgemeine Schulbildung bevor sie sich in einem Berufsfeld spezialisieren. Daher dürfen auch in der Ausbildung junger Fußballspieler Anregungen und Reize für die motorische Vielseitigkeit nicht fehlen.


In der Vergangenheit gehörte spielerisches Erfahrungssammeln und die Vielseitigkeit beim Sportspielzugang zum Alltag. Rugby, Tischtennis, Basketball oder Handball spielen, in Feld und Wiese herumtoben, auf Bäume klettern, hinfallen und wieder aufstehen – die ganze Bandbreite von Bewegungserfahrungen, die Kinder früher beim Spielen unter freiem Himmel und ohne Beaufsichtigung der Eltern gesammelt haben, ist jedoch in Zeiten von Smartphone und Playstation nicht mehr gegeben.

Noch ein Grund für ein vielseitiges, intensives und attraktives Training.


Dieses variantenreiche Training hat zahlreiche wünschenswerte Effekte. Die beiden wichtigsten positiven Wirkungen betreffen die frühe Förderung der motorischen Intelligenz (koordinative Kompetenzen) sowie der taktischen Kreativität.

Ein motorisch guter Spieler mit vielseitigen Bewegungserfahrungen besitzt auch eine verbesserte Entscheidungsqualität, da die Spielhandlung in einer taktischen Entscheidung immer ein motorischer, also ein technisch-koordinativer, Ablauf ist.


Ausserdem sind die Erfahrungswerte der vielfältigen Bewegungen Voraussetzung für kreative Denkfähigkeit. Wer Erfahrungen, beispielsweise mit dem Erkennen und Nutzen von freien Handlungsräumen in verschiedenen Situationen, sammelt, entwickelt in Spielkonstellationen originellere, überraschendere und eine größere Zahl an angemessenen taktischen Lösungsmöglichkeiten.


Besonders im Alter von sechs bis zwölf Jahren, quasi in der trainingsgünstigen Phase, erwerben die vielseitig ausgebildeten Nachwuchsfußballer daher motorisch und taktisch einen Vorsprung gegenüber monoton und isoliert ausgebildeten Kindern.

Wie und wann mache ich ein Multisport Training

Ein sportspielartübergreifendes Training kann beispielsweise in einer zusätzlichen Einheit durchgeführt werden. Gerade jetzt in den Wintermonaten bietet uns die Halle mit Ihrer Vielseitigkeit ideale Bedingungen.

Wem jedoch die Zeit dafür du schade ist oder aus Belegungsgründen keine zusätzliche Einheit in der Woche angeboten werden kann, der hat die Möglichkeit das übergreifende Training ins normale Mannschaftstraining zu integrieren. Gerade das Aufwärmen eignet sich hierfür ideal.

In einer Beispieleinheit mit der U12 des SSV Jahn Regensburg werden verschiedene Übungen/Spielformen mit einem sportspielartübergreifenden Ansatz gezeigt.

Bild: U12 beim Ballgeschick I.JPG

Hier müssen die Spieler verschiedene Ballgeschicklichkeitsaufgaben bewältigen, dabei sind in Sachen Variationen der Kreativität keine Grenzen gesetzt:

  • einen Ball mit einem anderen Ball prellen
  • einen Ball am Fuß führen und gleichzeitig einen Ball mit der Hand prellen
  • einen Ball am Fuß führen und gleichzeitig einen Tennisball auf einem Schläger balancieren
  • einen Ball am Fuß führen und gleichzeitig einen Tischtennisball mit einem Schläger führen
  • einen Ball mit der Hand am Boden in der Bewegung rollen
  • einen Ball am Fuß führen und gleichzeitig einen Ball aus der Hand nach oben werfen und dabei in die Hände klatschen

Bild: U12 beim Hockey.JPG

Alle dribbeln im Viereck und führen verschiedene Aufgaben aus (nicht im Bild):

  • mit der Innenseite des Schlägers dribbeln
  • rückwärts laufen und dabei den Ball mitführen
  • einen Partner suchen und durch Zupassen den Ball tauschen
  • den Ball gegen die Wand spielen und wieder aufnehmen



An den Stirnseiten zwei Hockeytore oder umgedrehte Bänke aufstellen und Hockey spielen lassen (siehe Bild):

  • auf die richtige Schlägerhaltung achten (1 Hand am oberen Ende, die andere etwas unterhalb)
  • der Schläger bleibt am Boden! Ist er über Hüfthöhe = Freistoß


Bild: U12 beim Ballgeschick II.JPG

Hier werden verschiedene Ballgeschicklichkeitsaufgaben mit kognitiven Aufgaben gekoppelt:

  • 1 Tennisball wird per Hand zu einem Spieler einer anderen Leibchenfarbe geworfen
  • wird der Tennisball vom Mitspieler mit links zugeworfen, muss er auch mit der linken Hand gefangen werden (und umgekehrt)
  • ein Basketball wird per Nummernpassen in einer festen Reihenfolge übergeben
  • bevor der Basketball weiter gespielt werden darf, muss der Passgeber diesen dreimal um den eigenen Körper kreiseln
  • ein Miniball wird per Fußball zu einem Spieler einer anderen Schuhmarke gespielt
  • bevor der Miniball weiter gespielt werden darf, muss der Passgeber den Ball schnellstmöglich mit seinem Kopf berühren 



Bild: U12 beim Basketball.JPG

Alle dribbeln im Viereck und führen verschiedene Aufgaben aus (nicht im Bild):

  • der Basketball muss schnell zwischen den Fingerkuppen hin- und herbewegt werden (vor der Brust, über dem Kopf, auf Kniehöhe etc)
  • der Basketball wird auf Kommando so schnell wie möglich in eine Ecke der Halle geprellt
  • alle legen sich flach auf den Boden und werfen den Ball dreimal hoch
  • den Ball hoch werfen, dreimal in die Hände klatschen (1. Klatschen vor dem Körper, 2. Klatschen hinter dem Körper, 3. Klatschen zwischen den Beinen) und wieder auffangen

Auf zwei Körbe Basketball spielen lassen (siehe Bild):

  • mit Manndeckung spielen
  • auf die Einhaltung der Schrittregel achten

Bild: Statistik.jpg

In den ersten Jahren der Fußballausbildung sollte mehr als die Hälfte der Zeit für die allgemeine, vielseitige Ausbildung verwendet werden. Der Anteil vermindert sich von Jahr zu Jahr zugunsten der fußballspezifischen Ausbildung. Die links stehende Grafik erläutert dies noch einmal.

Fazit

Aufgrund der Bewegungsarmut stirbt das spielerische, selbstorganisierte motorische Lernen im Alltag der Kinder langsam aus. Die herausragenden Eigenschaften eines motorisch vielseitig geschulten Kindes stehen dem aber gegenüber. Deshalb müssen die Jugendtrainer der Vereine die Herausforderung annehmen, sich diesem Problem zu stellen.

Ein regelmäßiges und altersgerechtes sportspielartübergreifendes Training sollte demnach unbedingt zur Ausbildung mit dazu gehören. Die Trainer sollten wie ihre Spieler offen für neues sein und einen sanften Übergang von dem zentralen Prinzip der Vielseitigkeit hin zu einer altersgerechten Vermittlung der Grundtechniken und Basistaktiken des Fußballs schaffen.

Autor des Beitrags

Patrick Niebler
Name:Patrick Niebler
Geburtsdatum:19.06.1989
Lizenz:Elite-Jugend-Lizenz
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Patrick ist seit 2011 Jugendtrainer SSV Jahn Regensburg (seit November 2015 hauptamtlich). Er ist Experte für das Training in den Bereichen U9 bis U13. Seinen Fokus legt er auch zukünftig auf die Ausbildung und Förderung junger Talente. Sein Ziel ist es, sich in den kommen Jahren noch mehr im unteren Aufbaubereich, vor allem U12/U13, zu spezialisieren. Parallel zu seiner Trainertätigkeit absolviert er aktuell ein Fernstudium im Bereich Sportmanagement.

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